• Sara

Monolog, Dialog & Fokus - Horsemanship und Parelli

In den seltensten Fällen geht es darum, dem Pferd etwas beizubringen. Die wahre Kunst ist es doch, sich dem Pferd verständlich zu machen oder nicht? Denn mal ganz im Ernst, Pferde können gehen. Sie können Traben, Galoppieren, rückwärts gehen, sich um die Vor- / sowie Hinterhand drehen, sitzen, liegen, Pirouetten machen und ihre Beine im spanischen Stil elegant in die Höhe werfen. Unsere Pferde können das alles von Haus aus. Es geht darum, dass wir lernen uns unseren Pferden verständlich zu machen. Mit ihnen in einen Dialog zu treten anstatt einen Monolog zu führen. Das ist es was Horsemanship ausmacht. Horsemanship, ist quasi eine Lehre für den Menschen. Eine Lebenseinstellung, Lebensphilosophie und auch Umgangsform mit anderen Lebewesen, für jeden individuell. 

Das ist es, was mir in den letzten 2 Wochen noch mal deutlich gemacht wurde. In dieser Zeit, war ich Working Student auf einem Parelli, Natural Horsemanship Hof. Für alle denen dieses Konzept nicht bekannt ist; als Working Student lebte und arbeitete ich auf diesem Hof und bekam dafür als Gegenleistung Unterricht und lernte von Profi’s, Parelli Instruktoren.


Vor ab möchte ich aber auch gleich klar machen, dass es für mich mittlerweile einen Unterschied zwischen Parelli (Natural Horsemanship) und Horsemanship gibt. Das ganz einfach schon aus dem Grund, dass Parelli ein festgelegtes „Studium“, eine Ausbildung für den Menschen ist, nicht für das Pferd. Es gibt eine Art „Lehrplan“, Levels in die man seine Kompetenzen einordnen, sich stetig verbessern und es gibt sogar Prüfungen die man absolvieren kann. Alles nach einem strikten Lehrplan bei dem jeder Handgriff sitzt. „Normales“ Horsemanship wiederum, ist ganz individuell. Wenn man nicht gerade nach Parelli arbeitet, macht jeder Mensch ganz anders Horsemanship. Man schaut sich die Dinge, Ideen und Konzepte von anderen Horsemenab, die zu einem selbst, ganz individuell und vor allem zu der Mensch-Pferd Konstellation, am besten passen. Es gibt kein richtig oder falsch. 

Mein Einstiegin die Welt des Horsemanships war 2014 mit Parelli. Die 7 Spiele und die natürliche Kommunikation über Körpersprache faszinierten mich sofort. Doch mit der Zeit, habe ich viele verschiedene Horsemen, bzw. einfach tolle Pferdemenschen die die Gabe haben, auf ganz besondere Art und Weise mit Pferden in Kontakt zu treten, kennengelernt. Durch diese verschiedensten Menschen, sowie meine Zeit als Working Student habe ich gelernt, dass es für mich nicht nur die eine Richtung gibt. 

Eigentlich war ich mir schon vor den zwei Wochen sicher, dass ich zumindest jetzt, nicht zu 100% hinter Parelli stehe. Dafür ist (Natural) Horsemanship zu komplex. Mein Chef / Lehrer und ein Kursteilnehmer unterhielten sich in meiner Zeit dort über etwas meiner Meinung nach sehr wahres:

(Natural) Horsemanship (und jetzt meine ich wirklich beides) ist im Grunde so einfach. Es ist so natürlich und logisch. Doch wenn man es richtig machen will, ist es so viel komplizierter, aufwendiger und schwieriger als sich einfach nur aufs Pferd raufzusetzen und sich keine weiteren Gedanken darum zu machen. 

Wir Horsemen wollen unser Pferd fragen. Und eins muss man an dieser Stelle auch mal sagen, es wird gefragt. Es wird viel mehr gefragt als vor ein par Jahren noch und die natürliche, Horsemanship Welle verbreitet sich immer mehr. Das ist fantastisch, ehrlich, ich wünschte jeder würde versuchen so zu denken. 

Doch eins ist mir in den letzen zwei Wochen klar geworden - ich habe tatsächlich meine Pferde gefragt, doch auf eine Antwort wartete ich selten. Kommt das jemandem bekannt vor? Wir fragen, warten eine milli Sekunde ab und wenn nicht die gewünschte Reaktion kommt wird doch meist durchgezogen. Dann sind wir wieder beim Monolog angelangt. Weil wir nicht richtig lesen. Wir geben dem Pferd keine Zeit sich eine Antwort zu überlegen. Damit kann man einiges falsch machen. 

Noch eine andere weise Überlegung: zu Iris zum Beispiel, meiner aktuellen Reitbeteiligung, habe ich ein gutes Verhältnis. Eine tolle Beziehung und Freundschaft kann ich stolz und glücklich sagen. Doch als Anführer unserer kleinen zweier Herde hat sie mich noch nicht akzeptiert. Auch dieses Phänomen ist mir in den letzten zwei Wochen häufig begegnet. Dieser kleine, letzte Schritt zum Anführer und einer 100 prozentigen Verlass-Person für Iris, fehlt. Das habe ich schon vorher oft bemerkt, aber nie so richtig wahr haben wollen. Und wie wird man jetzt diese vollkommene Verlass-Person - dieser Anführer? Probiert es mal mit dem Fragen. Damit meine ich wirklich Fragen, auf eine Antwort warten, diese richtig lesen und dann auch akzeptieren. Mein Vater fragte mich auf der Rückfahrt im Auto, dass das zwar alles schön und gut sei, aber was ich tuen würde, wenn ich mich nach einem stressigen Tag, auf einen schönen langen Ausritt gefreut habe, mein Pferd mir dann aber zu verstehen gibt, dass es das aus welchen Gründen auch immer nicht möchte. Und ganz ehrlich, das habe ich sogar vor den zwei Wochen schon bei Iris so gemacht, ich bin an solche Tagen nicht ausgeritten. Ganz einfach aus dem Grund, dass ich mein Pferd nicht überreden will. 

➡️ Ein wichtiger Gedanke des Natural Horsemanships, also Parelli, ist es dem Pferd die Dinge die man möchte bequem zu machen und die Dinge die man nicht möchte, unbequem zu machen. Und genau da liegt der Kasus Knackpunkt für mich. Erstens ist es meiner Meinung nach keine ernstgemeinte Frage wenn ich eigentlich nur eine Antwort hören möchte und wenn diese dann nicht erfolgt, ich trotzdem mein Ding durchziehe. Zweitens, ich habe tatsächlich diesen Traum, das mein Pferd freiwillig, ohne das ich ihm grundsätzlich alles was ich nicht möchte unbequem machen muss, mit mir mitkommt und meinen Ideen folgt. Ich weis nicht ob das so in dieser Form überhaupt möglich ist oder nicht zu menschlich gedacht ist, jedenfalls ist das mein Traum. Ganz irreal kann er jedoch nicht sein, da es sonst mit Iris bisher nicht so toll funktioniert hätte…

Es wird Leute geben die mir jetzt sofort zustimmen, aber auch Leute die das für Unsinn halten - Ich bin kein „Parellianer“. Zumindest jetzt nicht. Ich finde die meisten Grundstrukturen und Leitgedanken von Parelli super. Nämlich das man fragt, das man die Kommunikation auf die Körpersprache beschränkt, das man eine positive, freundliche, innere Einstellung benötigt, Fokus das aller wichtigste ist und das man mit unterschiedlichen Intentionen, hinter ein und derselben Sache, ganz andere Reaktionen auslösen kann. Auch die Konsequenz mit der man die Phase 4 (welche auch unter Pferden in Form von Tritten, Bissen u.ä. häufig vorkommt) manchmal aufbringen muss finde ich gut, jedoch hapert es bei diesen Dingen meiner Meinung nach in der Umsetzung. 

➡️ Daher suche ich mir auch von Parelli das raus, was zu mir passt - Auch wenn sich eingeschworene „Parellianer“ dabei vielleicht im Grabe umdrehen und sich ihnen bei dieser Einstellung die Nackenhaare aufstellen ;) . Aber ganz ehrlich, ich fahre super mit dieser Strategie. Ich halte immer die Augen und Ohren offen, ich experimentiere und probiere verschiedene Herangehensweisen aus. Die Pferde sagen einem schon was die richtige Herangehensweise für eure zweier Konstellation ist. Jetzt liegt es an uns, diese Antworten richtig lesen zu können. 

Genau darauf, bin ich jetzt auch super gespannt. Ich werde gleich zu Iris fahren und die Dinge, die ich in den letzten zwei Wochen für mich mitnehmen und lernen konnte, bei Iris anwenden. 

Ein letzter, für mich doch sehr hilfreiche Gedanke von Parelli: Probiert es mal aus, möglicherweise viel aufmerksamer und etwas anders eurem Pferd zu begegnen. Geht nicht drauf zu, haltet nur mal kurz die Hand hin oder schiebt ihm ein Leckerchen rein, halftert es auf und nehmt es mit - denn auch das ist ein einfacher Monolog, auch wenn es euch folgt.


Probiert es mal so aus:  warten bis euer Pferd mit der Nase den Handrücken berührt. Sollte es einen Schritt weg von euch machen oder den Kopf wegdrehen, lasst ihm mehr Zeit, tretet einen Schritt zurück und gebt ihm mehr Raum. Wer das immer wieder macht bis das Pferd mit dem Anstupsen der Hand den Kontakt bestätigt, wird vielleicht merken, dass sein Pferd viel freudiger, motivierter und eigenständiger mitmacht als zuvor. Weil wir gefragt haben und Raum gegeben haben. 

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