• Sara

Schwierigkeiten beim Longieren

(...) Zunächst einmal ist es auch hier wichtig sich vor Augen zu führen, welchen Ursprung das Longieren für ein Pferd hat. In der Natur des Pferdes hat es nämlich gar keinen - richtig. Für Pferde ergibt es auf den ersten Blick überhaupt keinen Sinn, mehrere Runden um ein anderes Lebewesen herum zu laufen. In abgewandelter Form ist eine ähnliche Situation vielleicht manchmal im Spiel zwischen zwei Pferden zu sehen, aber gerade im Zusammenhang mit einem Raubtier, welches der Mensch darstellt, ist es für ein Pferd eher eine Bedrohung, als ein natürlicher Bewegungsablauf. Der Mensch steht als potentieller Feind angriffslustig in der Mitte und fordert das Pferd auf, Runde um Runde um ihn herum zu laufen, dann fordert er auch Tempowechsel und schreibt die Richtung vor. Für ein Pferd fehlt zunächst nicht nur jeglicher Sinn für diese Übung, sondern es stresst auch ungemein, denn es kann der Situation nicht entkommen wenn es sich nicht gerade losreißt (woraufhin in der Regel noch mehr Stress auf das Pferd zukäme). 

Das bedeutet, dass das Pferd erst einmal lernen muss um den Menschen herum im Kreis zu laufen, longiert zu werden. Der Mensch machte sich diese Form des Trainings zu nutze, da es eine praktische und einfache Methode ist, das Pferd zu bewegen und zur Los-Gelassenheit hin zu trainieren. Zusätzlich stellt es eine gute Vorbereitung für das spätere Reiten dar, da das Pferd in diesem Training lernt, sich selbst im Takt zu tragen und vor allem erste Signale wie die Tempowechsel kennenlernt. Wurde es dem Pferd aber nicht ausreichend erklärt, ergeben sich Probleme,  welche mit der Zeit nur noch komplizierter und gefährlicher werden können.

Susanne schilderte mir ihr Problem beim Longieren mit Gitano wie folgt: Gitano würde nicht auf der von ihr vorgeschriebenen Hand bleiben sondern selbstständig ungefragt die Richtung wechseln. Auf von ihr gewünschte Wechsel reagiere er aber wiederum nur selten. Besonders die rechte Hand würde er meiden, da er auf dieser Seite nie lange bleibe. Außerdem bedränge Gitano Susanne immer sehr und würde zu weit in die Zirkelmitte zu ihr herein kommen. 


Als ich Susanne und Gitano dann das erste Mal beim Longieren zusah, bestätigten sich Susanne’s Schilderungen. Folgende Punkte beobachtete ich:  


1. Stress

Zusätzlich zu Susanne’s Schilderungen fiel mir auf, dass er stets mit hoch gerissenem Kopf lief, sich sehr stark nach außen stellte und seine gesamte Konzentration der Umgebung galt. Dem Rascheln der Blätter, den galoppierenden Pferde auf dem angrenzenden Paddock, den vorbei fahrenden Menschen außerhalb der Halle, sowie den übrigen Pferden die sich in der Halle mit Mensch bewegten, doch keineswegs galt seine Aufmerksamkeit Susanne. Mit jedem kleinsten Knacken und Knistern machte Gitano einen Sprung nach vorne, rannte Runde um Runde undversuchte sich sogar ab und an von der Longe loszureißen. Demnach konnte sich Gitano keines Wegs beim Longieren entspannen, diese Trainingsmethode bedeutete puren Stress für ihn. Eine Erklärung dafür, dass er sich erst so spät wieder beruhigte und in ein entspanntes Tempo zurückkehrte, nachdem Gitano an der Longe losgeschossen war, war Susanne’s Handhaltung in ihrer eigenen Aufregung. Die rechte Hand, mit der sie die Longierpeitsche hielt, war ebenfalls in der Höhe, somit auch die gesamte Gerte, was Gitano noch mehr darin bestärkte zu laufen. Nachdem ich sie drauf hinwies und sie bat, ihre rechte Hand ganz tief hängen zu lassen und die Gerte wirklich nur zu heben wenn sie sie brauchte, war schon eine leichte Veränderung in Gitano's Verhalten zu sehen: Er beruhigte sich und parierte wesentlich schneller durch als zuvor.


Mein Fazit:

Die oberste Priorität war es nun noch mehr Entspannung seitens Susanne in das Longieren zu bringen. Denn auch Susanne war aufgrund Gitano’s ständigem und plötzlichen Los-Schießens verständlicherweise regelrecht angespannt. Hier ging es darum ihre Einstellung zu ändern. Ich empfahl Ihr dieser Situation gar nicht so viel Aufmerksamkeit zu schenken. Wenn Gitano also in der nächsten Zeit los schoss, fiel kein Wort. Es wurde versucht locker mitzugehen und Gitano an der Longe zu halten. Kein weiteres Eingreifen. Es ist wichtig die innere Einstellung zu bewahren, dass es nicht schlimm ist, wenn er sich erschreckt und im ersten Moment seinem Fluchtinstinkt folgt. Es liegt in seiner Natur. Alles was wir tun können, ist ruhig bleiben und seine Runden abwarten, bis auch er sich wieder entspannen kann. Denn die Ruhe des Menschen am anderen Ende der Longe, würde sich über kurz oder lang auf das Pferd übertragen.


2. Bedrängen

Ein Problem, welches auch noch an diesem ersten Tag angegangen werden konnte, war das vermeintliche Bedrängen Gitano’s. Deutlich zu sehen war, dass Gitano nicht auf seiner anhand der Länge der Longe vorgeschriebenen äußeren Linie blieb, sondern stets in die Mitte des Zirkels zu Susanne driftete. Diese wich ihm prompt aus und floh Schritt für Schritt rückwärts. Das vermittelte Gitano in der Vergangenheit ganz klar: „Ich gebe dir zwar viel Raum durch das lange Seil und du könntest daher außen laufen, aber ganz so wichtig ist mir das nicht, denn wenn DU kommst und dir deinen eigenen Weg suchst, dann weiche ICH und mache dir Platz.“ Aus der Situation des Longieren’s überträgt sich dieses Gelernte ganz schnell auf andere Situationen und bald würde Gitano gar keine Rücksicht mehr auf Susanne nehmen, in Sie hineinlaufen und sich seinen Weg bahnen.

Ich machte Susanne auf diese Problematik aufmerksam und sensibilisierte sie auf jeden Schritt den sie zurück machte, wenn Gitano ihr zu nahe kam. Hinterher merkte sie an, dass sie gar nicht mitbekommen hatte, wie sie immer vor ihm wich. In Zukunft wich Susanne nicht mehr vor ihrem Pferd aus, sondern blieb an Ort und Stelle stehen und schickte Gitano mit Hilfe einer Longier Gerte oder dem Longen Ende Richtung Schulter, nach außen. Seitdem ihr Bewusstsein sehr auf das nicht-zurück-gehen sensibilisiert wurde, ist Susanne nur noch in seltenen Ausnahmefällen ausgewichen und Gitano blieb auf seinem äußeren Zirkel. 


3. Richtungswechsel

Die Problematik der rechten Hand von Gitano, verfolgte uns in viele andere Bereiche des Alltags und Trainings. Wie wir später nach diversen Untersuchungen aber feststellen konnten, war sein Problem beim Longieren damals wohl auch physiologischer Natur. Auf der rechten Hand zu laufen viel Gitano gerade auf dem Zirkel noch schwerer, da er einen Schiefstand der Hüfte hatte. Seine rechte Hüfte war deutlich höher als die Linke, welches ein angenehmes Laufen und gleichmäßiges Gangbild auf einem Zirkel fast unmöglich machte. Auf der linken Hand konnte er aufgrund der Höhenverschiebung mit seinem rechten, äußeren Hinterbein kaum untertreten. Auch auf der rechten Hand, erschwerte ihm das nun höhere, innere rechte Hinterbein ein gleichmäßiges untertreten und um nicht völlig auf die Schulter zu fallen lief er ständig in einer Außenstellung. Als Susanne zu Beginn mit den Richtungen noch nicht so konsequent war und sie die eigenständigen Richtungswechsel durchgehen ließ, mied Gitano die rechte Hand einfach aufgrund der Schmerzen oder des Unwohlseins, in dem er selbstständig auf die Linke Hand wechselte. Zu Beginn nicht konsequent genug gewesen zu sein was das Einhalten der Richtungen angeht, gab Susanne im Nachhinein auch zu. 


Mein Fazit:

Demnach ist Gitano’s Vermeidungstaktik der rechten Hand sowie Ungehorsam in Sachen Richtungswechsel, wohl auf verschiedene zusammen spielende Faktoren zurück zu führen: Seine Schmerzen, der Stress den das Longieren für ihn bedeutete und fehlender Respekt durch mangelnde Konsequenz in der Vergangenheit. Dies ist zu mindestens eine Möglichkeit. Welche Erfahrungen und Erinnerungen Gitano ohnehin schon mit dem Longieren assoziiert, kann aufgrund seiner lückenhaften Vergangenheit nicht beantwortet werden.

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